Das Redaktionsbüro LIGHTCYCLE hat im Rahmen der Quecksilberdebatte das Gespräch mit Rudolf Schierl, Diplomchemiker am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der LMU München, gesucht. Als Fachmann und Professor des Lehrstuhls für angewandte Chemie hat er sich bereits umfassend mit dem Thema Energiesparlampen auseinandergesetzt.

Interview: "Debatte um Quecksilber ist übertrieben"

Sehr geehrter Herr Dr. Schierl, ab 1. September dieses Jahres werden nach der 60 Watt- nun auch keine 40 Watt-Glühlampen mehr verkauft. Schon jetzt setzen viele Verbraucher auf die strom- und umweltschonende Alternative Energiesparlampe, die allerdings wegen des in geringen Mengen enthaltenen Quecksilbers immer wieder Gegenstand einer kritischen Debatte ist. Wie beurteilen Sie als Umweltmediziner diese Debatte um gesundheitliche Gefahren beim Einsatz von Energiesparlampen?

Schierl: Zunächst darf ich persönlich sagen, dass ich kein Freund von derartigen EU-Zwängen bin. Allerdings ist die Energiesparlampe unter Energieeffizienzaspekten eine sinnvolle Sache. Die Debatte um das Quecksilber halte ich nach gesicherter Datenlage tatsächlich für übertrieben, hier besteht absolut kein Grund zur Panik!

Quecksilber findet nicht nur in Energiesparlampen Verwendung. Können Sie uns sagen, in welchen Bereichen oder alltäglichen Situationen wir außerdem Quecksilberemissionen ausgesetzt sind?

Schierl: Quecksilber tritt tatsächlich noch in den unterschiedlichsten Situationen im Alltag auf. Da haben wir noch immer das Thema Amalgamfüllungen in der Zahnmedizin, auch werden zum Fiebermessen nach wie vor alte Quecksilberthermometer verwendet. Auch funktionieren zahlreiche medizinische Instrumente nur so präzise, weil sie mit Quecksilber betrieben werden, z.B. professionelle Blutdruckmessgeräte in Arztpraxen und Krankenhäusern. Bei all diesen Vorkommen besteht eine ständige Quecksilberemission, die keine Gefahr darstellt. Ein anderes Beispiel finden wir in unserer Nahrung. So weisen zum Beispiel große Raubfische wie Thunfisch in der Regel recht hohe Quecksilberwerte auf.

In der Vergangenheit wurden mehrfach Studien zu dieser Thematik durchgeführt, deren Auswertung offensichtlich unterschiedliche Grenzwerte zu Grund gelegt wurden. Welche Grenzwerte sind denn für Deutschland definiert?

Schierl: Es gibt zwar verschiedene Werte, das ist richtig, allerdings werden diese auch unterschiedlich herangezogen: Rechtlich bindend ist der sogenannte MAK-Wert, der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft definiert und angibt, wie Quecksilber in der Luft am Arbeitsplatz langfristig keinen Schaden verursacht. Dieser Wert liegt aktuell bei 50 μg/m3 und beschreibt die Belastung, der man fünfmal wöchentlich acht Stunden ausgesetzt sein kann. Zudem gibt es den Biologischen Grenzwert, der die Grenzwerte an Quecksilber für Blut und Urin festlegt. Diese Werte werden im Biomonitoring ermittelt: der HBM-I-Wert liegt bei 5 μg/l Vollblut bzw. 7 μg/l Urin. Werden Werte unterhalb des HBM-I-Wertes gemessen, bestehen keinerlei gesundheitlichen Gefahren, auch bei Schwangeren und Kindern. Der HBM-II-Wert liegt bei 15 μg/l Vollblut bzw. 20 μg/l Urin.

Beim Bruch einer Energiesparlampe ist mit Werten zu rechnen, die den HBM-II-Wert um das ca. fünf- bis zehnfache unterschreiten, weshalb weder ein Biomonitoring angezeigt ist noch medizinischer Handlungsbedarf besteht.

Bei einer Messung des Umweltbundesamtes beim Bruch einer Energiesparlampe wurden unter extremen Bedingungen vorübergehend Quecksilberexpostionswerte von 7 μg/m3 gemessen. Wie beurteilen Sie diesen Expositionswert?

Schierl: Das kann ich Ihnen recht einfach beantworten: ist man diesem Wert kurzzeitig ausgesetzt, ist das völlig unproblematisch. Bei einer Dauerbelastung, das heißt, wenn man diesem Wert dauerhaft 24 Stunden täglich ausgesetzt wäre, ist diese Belastung als nicht tolerabel einzustufen.

Wie lange könnte man einem solchen Wert ausgesetzt sein, ohne dass gesundheitliche Konsequenzen zu befürchten sind?

Schierl: Der Arbeitsplatzgrenzwert liegt bei 50 μg/m3. Damit liegt der Expositionswert darunter und es sind keine gesundheitlichen Gefahren zu erwarten.

Das Bifa Umweltinstitut hat zur möglichen Belastung an Sammelstellen zwei Extremszenarien im Handel und in der Verwaltung analysiert. Hierbei wurde der gleichzeitige Bruch mehrer Energiesparlampen in einer Sammelbox simuliert. In dem Test traten kurzfristige Quecksilberexpositionswerte (15 Minuten-Mittel) von 1,1 μg/m3 und 32 μg/m3 auf. Wie beurteilen Sie die Gesundheitsgefahr für Kunden und Mitarbeitern?

Schierl: Auch hier kann ich Ihnen recht wie in einer der vorhergehenden Fragen antworten: Ist man diesem Wert kurzzeitig ausgesetzt, ist das völlig unproblematisch. Im Falle einer Dauerbelastung wäre dieser Wert in der Tat gesundheitsgefährdend. Erlauben Sie mir an der Stelle den Hinweis, dass wir in der eher unüblichen Einheit Mikrogramm rechnen. Um Ihnen einen Vergleich zu geben: 1 μg entspricht 0,001 mg!

Können Sie einen kurzen Überblick über besondere Gefährdungsquellen für eine erhöhte Quecksilberaufnahme geben?

Schierl: Die Goldgewinnung mit Quecksilber in der dritten Welt ist sicher die größte Gefährdungsquelle im Zusammenhang mit Quecksilber. Bei der Goldwäsche wird Quecksilber eingesetzt, um den feinen Goldstaub zu lösen. Beim Waschen und beim anschließendem Glühen zur Rückgewinnung von reinem Gold gelangt das Quecksilber in die Umgebung, was zu einer großen Belastung von Mensch und Umwelt führt. Die Tröpfchen, die bei dem Prozess freigesetzt werden, sind sehr fein und je feiner diese Tröpfchen sind, desto höher ist die Aufnahme.

Gibt es aus Ihrer Sicht konkrete Verhaltensanforderungen im Umgang mit Energiesparlampen, die sich daraus ergeben, dass diese geringe Mengen an Quecksilber enthalten?

Schierl: Wenn tatsächlich mal eine Lampe brechen sollte, verhalten Sie sich genauso, wie beim Bruch einer Leuchtstoffröhre: Lüften Sie zunächst den Raum für ca. 15 Minuten und sammeln Sie im Anschluss alle Teile der Lampe auf. Verwenden Sie dazu am besten zwei Stück Pappe, die können Sie im Anschluss einfach mitentsorgen. Verpacken Sie Lampenreste und die Pappe in einen festverschließbaren Plastikbeutel oder ein Schraubglas und bringen Sie alles zu einer entsprechenden Sammelstelle.

Quecksilber wird am häufigsten durch Einatmen aufgenommen. Das gasförmige Quecksilber verdampft im Fall von Bruch unmittelbar, es verschwindet beim Lüften.
Das an den Scherben befindliche flüssige Quecksilber verdampft bei Zimmertemperatur nur sehr langsam, so dass genug Zeit ist, alles in Ruhe zu reinigen.

Herr Dr. Schierl, wir bedanken uns herzlich für das Gespräch!

Informationen zur Person:
Dr. rer. nat. Diplomchemiker Rudolf Schierl ist Leiter der AG "Analytik und Monitoring" am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der LMU München. Dr. Schierl befasst sich in diesem Zusammenhang mit Schwermetallen, Spurenanalytik, Partikelmessungen, Biomonitoring, Endotoxinen und Zytostatika.