Interview: "Debatte um Quecksilber in Energiesparlampen übertrieben"

Sehr geehrter Herr Dr. Schierl, ab 1. September dieses Jahres wird die in deutschen Haushalten häufig eingesetzte 60-Watt-Glühlampe nicht mehr verkauft. Schon jetzt setzen viele Verbraucher auf die umweltschonende Alternative Energiesparlampe, die allerdings wegen des in geringen Mengen enthaltenen Quecksilbers immer wieder Gegenstand einer kritischen Debatte ist. Wie beurteilen Sie diese Debatte?
Schierl: Zunächst darf ich persönlich sagen, dass ich kein Freund von derartigen EU-Zwängen bin. Allerdings ist die Energiesparlampe unter Energieeffizienzaspekten eine sinnvolle Sache. Die Debatte um das Quecksilber halte ich nach gesicherter Datenlage tatsächlich für übertrieben, hier besteht kein Grund zur Panik!
Quecksilber findet nicht nur in Energiesparlampen Verwendung.Können Sie uns sagen, in welchen Bereichen oder alltäglichen Situationen wir außerdem Quecksilberemissionen ausgesetzt sind?
Schierl: Quecksilber tritt tatsächlich noch in den unterschiedlichsten Situationen im Alltag auf. Da haben wir noch immer das Thema Amalgamfüllungen in der Zahnmedizin oder alte Quecksilberthermometer zum Fiebermessen. Auch funktionieren zahlreiche medizinische Instrumente wie z.B. professionelle Blutdruckmessgeräte nur so präzise, weil sie mit Quecksilber betrieben werden.
In der Vergangenheit wurden mehrfach Studien zu dieser Thematik durchgeführt, deren Auswertung offensichtlich unterschiedliche Grenzwerte zu Grunde gelegt wurden. Welche Grenzwerte sind denn für Deutschland definiert?
Schierl: Es gibt verschiedene Werte, das ist richtig. Allerdings werden diese auch unterschiedlich herangezogen: Rechtlich bindend für den Arbeitsplatz ist der AGW-Wert, der derzeit bei 100 μg/mÑ liegt. Allerdings schlägt jetzt die MAK-Kommission von der Deutschen Forschungsgemeinschaft einen Wert von 20 μg/mÑ vor, um zu gewährleisten, dass Quecksilber in der Luft am Arbeitsplatz langfristig keinen Schaden verursacht. Für den umweltmedizinischen Bereich, also den Normalbürger ohne berufliche Belastung, gibt es für Quecksilber sogenannte Humanbiomonitoringwerte (HBM-Werte) für Blut und Urin. Diese Werte werden im Biomonitoring ermittelt: Der HBM-I-Wert liegt bei 5 g/l Vollblut bzw. 7 g/l Urin. Werden Werte unterhalb des HBM-IWertes gemessen, bestehen keinerlei gesundheitliche Gefahren – auch bei Schwangeren und Kindern. Der HBM-II-Wert liegt bei 15 g/l Vollblut bzw. 20 g/l Urin. Bei Werten, die darüber liegen, besteht akuter Handlungsbedarf. Beim Bruch einer Energiesparlampe sind kurzfristig Werte zu erwarten, die ca. fünf- bis zehnfach unterhalb des HBM-II-Wertes liegen, weshalb weder ein Biomonitoring angezeigt ist noch medizinischer Handlungsbedarf besteht besteht.
Bei einer Messung des Umweltbundesamtes beim Bruch einer Energiesparlampe wurden unter extremen Bedingungen vorübergehend Quecksilberexpostionswerte von bis zu 7 g/m3 gemessen. Wie beurteilen Sie diesen Wert?
Schierl: Ist man diesem Wert kurzzeitig ausgesetzt, ist das völlig unproblematisch. Bei einer Dauerbelastung, das heißt, wenn man diesem Wert dauerhaft 24 Stunden täglich ausgesetzt wäre, ist diese Belastung als nicht tolerabel einzustufen.
Wie lange könnte man einem solchen Wert ausgesetzt sein, ohne dass gesundheitliche Konsequenzen zu befürchten sind?
Schierl: Der derzeit empfohlene Arbeitsplatzgrenzwert liegt bei 20 g /m3. Liegt der Expositionswert darunter, sind für gesunde Erwachsene bei einer Expositionszeit von 40 h/Woche im Allgemeinen keine gesundheitlichen Gefahren zu erwarten.
Das bifa Umweltinstitut hat zur möglichen Belastung an Sammelstellen zwei Extremszenarien im Handel und in der Verwaltung analysiert. Hierbei wurde der gleichzeitige Bruch mehrerer Energiesparlampen in einer Sammelbox simuliert. In dem Test traten kurzfristige Quecksilberexpositionswerte (15 Minuten-Mittel) von 1,1 g/m3 und 32 g/m3 auf. Wie beurteilen Sie die Gesundheitsgefahr für Kunden und Mitarbeiter?
Schierl: Auch hier kann ich nur antworten: Ist man diesem Wert kurzzeitig ausgesetzt, ist das unproblematisch. Im Falle einer Dauerbelastung wäre dieser
Wert in der Tat gesundheitsgefährdend.
Herr Dr. Schierl, wir bedanken uns herzlich für das Gespräch!
Zur Person:
Dr. rer. nat. Diplomchemiker Rudolf Schierl ist Leiter der AG „Analytik und Monitoring“ am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der LMU München.
Dr. Schierl befasst sich in diesem Zusammenhang mit Schwermetallen, Spurenanalytik, Partikelmessungen, Biomonitoring, Endotoxinen und Zytostatika.
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